|
|
|
|
|
|
Simon Penrose Primordiale Verhältnisse Die Collagen von Ulrich HorndashIn seinem ausgezeichneten Buch über Duchamp berichtet Robert Lebel von einem Kritiker, der das Bild mit dem Titel „Akt, eine Treppe hinabsteigend“ eine „Explosion in einer Dachziegelfabrik“ nannte. Der Vergleich, so ironisch er vorgebracht war, enthält mit dem treffenden Bild der Explosion die Vorstellung des Zerbrechens und Zerstrebens der Teile, die sich sehr gut auf die neuen Arbeiten von Ulrich Horndash übertragen läßt. Wir nehmen hier wie dort Bezug auf die expansiven Kräfteverhältnisse, und es liegt nahe, dass mit der Empfindung der Divergenz ein existentielles Grundgefühl zum Ausdruck gebracht ist. Nach einer langen Abfahrt durch die raumgebundenen Spektakel der Kunst hat sich Horndash vom Theater befreit und zu dem gefunden, was er die „eigentliche Aufgabe“ der Kunst nennt: die „Herstellung des Bildes“. Der Wunsch nach Gestaltungsfreiheit führte den Künstler in die weitgehende Zurückgezogenheit der solitären Existenz, um sich ohne Inszenierungszwang auf die bildnerische Arbeit konzentrieren zu können. Horndash überzeugt mit einem veritablen Alleingang von der konzeptuellen zur praktischen Arbeit. Er stellt dabei eine außergewöhnliche Wandlungsfähigkeit seiner Begabung zur Disposition. Was vor einigen Jahren wie ein absichtsloses Spiel begann, entwickelte sich zur intensiven Beschäftigung mit Methode und Material der Collage. Seitdem sind etwa 150 Arbeiten entstanden, die meisten Bläter im Din A4-Format. Einige Motive wurden vergrößert auf Glas übertragen. Die Collage ist eine Montagetechnik zur Herstellung von Bildern aus Fremdmaterial. Sie entwickelt ein experimentelles Verfahren, das Schrift und Bild mit einem Aspekt der Trivialität verbindet. Etwas Zusammengesetztes, Synthetisches als Kunstform, die sich mit dem Kubismus etabliert und bis heute einen dadaistischen Elan bewahrt hat. Zu den Voraussetzungen des Handwerks im Umgang mit Papier gehören Schneidwerkzeuge und Klebstoff. Gebraucht wird schließlich eine glückliche Hand, die nicht nur dies und das, sondern alles mit allem verbinden kann, wenn keine weiteren Regeln gelten. Die Herstellung der Collage erfordert nur wenige Arbeitsschritte. Das Material wird, nachdem es gesichtet ist, zerschnitten. Die Teile werden dann auf Papier ausgelegt und wie ein Rätsel befragt. Diese Versuchsphase hält solange an, bis an irgendeiner Stelle das Durcheinander in einen Ordnungszustand übergeht. Sobald das Bild feststeht, wird es unmittelbar auf den Grund fixiert. Ausgangsmaterial der Collagen sind Zeitungen und Zeitschriften aller Art, Prospekte, Illustrierte, Magazine, überhaupt alles, was sich zerschneiden läßt. „Irgendetwas Gedrucktes, eine Zeitschrift mit Bildern, Mode vielleicht“. Das genannte Fremdmaterial dient in der Regel anderen Zwecken fern der Kunst. Mit Vorliebe verarbeitet Horndash die Bilderwelt der Werbung und ähnliche Ressourcen. Mit den Werkzeugen werden durch scharfe Ränder begrenzte Muster unterschiedlicher Größe aus dem Papier geschnitten. Dabei entstehen Schnittflächen, Parabelformen, Kurven und Geraden, alles in allem ein Haufen Bilderschrott, worin auch Farbreste, Foto- und Textfragmente gespeichert sind. Auch wenn man hier und da noch Gegenstände im Detail erkennt, nimmt der Ausschnitt meistens keine Rücksicht auf die Wiedergabe des Objekts. Es sei in dem Zusammenhang die Behauptung aufgestellt, dass das Auseinanderschneiden, Zerteilen und Fraktionieren ein Grundverständnis schöpferischer Vitalität zum Ausdruck bringt. Wie Horndash zeigt, setzt sich die Collage aus den Fragmenten zerstörter Bilder zusammen. Doch auf den ersten Blick wird klar, dass er sich nicht mit der Destruktionsarbeit begnügt. In jedem seiner Werke wird ein dezidierter Wille zur Gliederung und zur Synthese der verstreuten Teile sichtbar. Einer begrifflichen Klärung seiner Arbeit bleibt es vorbehalten, dem Bild die physikalische Vorstellung des Feldes zugrunde zu legen. (Diese Vorstellung ist freilich nur ein Bild.) Das Bild als Magnetfeld, ein Bereich, ein Raum, in dem besondere Kräfteverhältnisse vorherrschen. Ordnungen entstehen, wo Kräfte gerichtet und gebündelt sind. Horndash widmet sich der Erforschung turbulenter Systeme. Das „Forschen“ nimmt dabei Bezug auf Bewegung und Verhalten der Teile in der Fläche. Am Anfang besitzt der Zustand größter Unordnung die höchste Wahrscheinlichkeit. Werden die Teile unter Spannung und Streß gesetzt, dann formieren sie sich und richten sich allmählich aus. Formen lagern sich an Formen. Sie berühren sich, stoßen sich ab, durchdringen und überdecken sich. Während an einer Stelle instabile Massen zerfallen, bilden sich an anderer Cluster, in denen die Materie durch gravitative Wirkung gebunden ist. Das System geht, wenn man das sagen kann, in einen Zustand niederer Entropie über. Da jede Konstellation der Teile auch ein mögliches Bild ergibt, müssen die meisten Bildlösungen wieder verworfen werden. Zu den Bildungsbedingungen der Collage gehört ein hohes Maß an Unabsehbarkeit. Der Künstler arbeitet an einer Form, die noch nicht feststeht und die sich erst allmählich oder gar nicht zeigt. Hier bringt der Zufall oft die Lösung des Problems. Die Collage nutzt das Moment der Überraschung. Es gibt kein Druckerzeugnis, und sei es noch so abgelegen, das im Zusammenhang der Collage nicht Verwendung fände. Man sagt, die Phantasie ernährt sich durch riskante Stoffe. Da alles Material, wenn es im Bild zusammentrifft, gleichsam aufgeladen ist, kommt es zur kritischen Reaktion. Die Gegensätze prallen hart geschnitten aufeinander. Das Zusammengehörige trennt sich, Widersprüche werden vereint. Das entscheidende Kriterium ergibt sich aus den Interferenzen von Fremdmaterial und psychischer Präsenz. Kraft der Sinnesleistung einer fragmentierten Wahrnehmung konzentrieren sich im Kunstwerk Energiezustände und Formen des Gefühls. Kinderfrage: was soll das darstellen? Ein Bild muß ja nichts darstellen, um Bild zu sein, sofern es über sich selbst nachdenkt. Es erzeugt dabei Erregungsmuster des Geistes und geht aus diesen wiederum hervor. Auch die Abstraktion hat ihre abbildende Funktion. Sie bildet, wenn man es so will, Ideen ab, die keinen Körper haben, und sie bedient sich jener Künste, die das Unsichtbare zu ihrem Gegenstand erhoben haben. „Der Fleck und die Linie. Er ist alles seelisch Gemeinte, nicht konturierbar, in mehrdeutiger Gestalt sich verlaufend. Sie ist die gebündelte Helle, und ihr Mysterium ist ihr offenes Ende, ihre Unabsehbarkeit. Liebe ist Fleck, Schrift ist Linie. Gesicht ist Fleck, Schritte sind Linie.“ Das Naheligende und doch Eigenartige bei Horndash ist die „Möglichkeit der Figuration“ innerhalb einer an sich bedeutunslosen Summe von Materialien. Wie man es bei Wols beobachtet hat, gelingt es auch ihm „Gestalten einzufangen“, ohne das Repertoire der Malerei wie das der Gegenstände in Anspruch zu nehmen. Die Collagen entwerfen einen Kosmos informeller Abstraktionen. Wir unterscheiden offene Gebilde, die wie vegetabile Ablagerungen aussehen, von denen kristalliner Art, die in ihren Prismen noch die Schärfe des Schnitts bewahren. Diese Gebilde sind von eigener Schönheit, filigran und transparent, mit hoher Auflösung bis ins Detail einer abgründigen Empfindung, sie sind von tiefer Leidenschaft des Ausdrucks und doch heiter, ohne Parodie zu sein. Die Bildfläche als Detektorschirm: Kollision und Streuung sind in der Wiedergabe des Ereignisses festgehalten. Wir registrieren etwas wie Hintergrundrauschen mit Fluktuationen im Dichteverhältnis, Körnung der Fläche, einen Augenblick von Strahlung und Zerfall. Primordiale Verhältnisse sind solche des Anfangs, des Neubeginns, Stadien der Entstehung und der Expansion. Wir betrachten sie mit Neugier und Entzücken, denn in ihren Mustern zeigt sich bereits das Spiel einer zukünftigen Form. 1 Robert Lebel: Marcel Duchamp. Mit Texten von André Breton und H.P. Roché. Zur Ausstellung in der Galerie Tanit veröffentlicht. |